Habe ich gewulfft?

Ein Kommentar

„Wulffen“ ist eine dieser Wortneuschöpfungen, die wir Medienleute gerne erschaffen, um irgendetwas griffiger und kürzer zu machen (Jeder Anschlag muss (müsste?) bezahlt werden). In diesem Fall ist wahlweise das Verschleiern der Wahrheit das Anrufbeantworter-Volllabern oder die Vorteilsnahme im Amt gemeint. Im Falle von Christian Wulff also die Annahme von Rabatten und Geschenken, die er während seiner verschiedenen politische Stationen angenommen hatte – ohne darüber nachzudenken (und vor allem ohne darüber zu reden), dass das vielleicht seine Objektivität und seine Unabhängigkeit beeinflussen könnte.

Seit Wulff nicht mehr im Amt ist, stehen wir plötzlich alle selbst unter Wulffen-Verdacht. Es geht um die Presserabatte, die jahre- und jahrzehntelang überall lockten. Urlaubsflug? Gab es beim richtigen Anbieter für Journalisten billiger. Neues Auto? Gab es beim richtigen Anbieter für Journalisten billiger. Eintritt zur neuesten Ausstellung, zum schicksten Ausflugsziel, zum angesagtesten Konzert oder zum Fußballspiel des Lieblingsverein? Gab es beim richtigen Anbieter für Journalisten billiger oder sogar umsonst. Damit ist jetzt Schluss. Erst die Deutsche Bahn, dann Air Berlin und die Telekom verkündeten, dass Presserabatte nicht mehr zeitgemäß seien und man künftig darauf verzichten werde.

Unter Kollegen trat das eine Diskussion los, in der sich schnell zwei Lager bildeten: Die einen, die erleichtert aufseufzten ob der Entwicklungen, weil sie schon immer fanden, dass Presserabatte sich nicht mit dem öffentlichen Auftrag von Journalisten, ihrem Anspruch an Wahrhaftigkeit und Unbeeinflussbarkeit, vereinbaren lassen. Und auf der anderen Seite standen jene, die die Rabatte verteidigten, weil sie für die heute meist chronisch unterbezahlten freien (aber teils auch festangestellten) Kollegen die einzige Möglichkeit seien, finanziell über die Runden zu kommen. Presserabatte als eine Art Sozialschein, sozusagen.

Ich glaube, leider ist es nicht so einfach. Das ganze Desaster fängt doch schon bei der Definition an. Was ist denn ein Presserabatt? Wenn man es ganz streng nehmen würde, wäre auch die Theaterkarte, die der Kritiker der Lokalzeitung vom Theater kostenlos bekommt, ein Rabatt. Um Unabhängigkeit zu garantieren, müsste die Zeitung die Karte für ihren Mitarbeiter kaufen. Macht aber kein Mensch, und bisher hat sich auch noch kein mir bekannter Kritiker davon abhalten lassen, ein Stück zu verreißen, nur weil es die Karte umsonst gab.

Gibt es also „gute“ und „schlechte“ Presserabatte?
Sind die guten, die, die man nutzt, um seine Arbeit machen zu können, tolerabel, während die schlechten, also jene, bei denen man als Privatperson und in der Freizeit von diesen Rabatten profitiert, Teufelszeug? Oder zählen wir die Eintritsskarten zu Veranstaltungen wie Konzerten, Fußballspielen, Ausstellungen oder Theatervorstellungen gar nicht zu Presserabatten, sondern bündeln wir die unter dem Ettikett „Freier Zugang zur Information für Journalisten“ aus den Landespressegesetzen?

Wenn das so ist, was ist dann mit Rabatten auf Equipement? Gerade freie Journalisten, die nicht von einem Arbeitgeber ausgestattet werden, verlockt vielleicht die Kameraausrüstung oder der Laptop, die es mit Presserabatt zwischen 5 und 15 Prozent billiger gibt. Sind das nicht auch Hilfsmittel, um überhaupt arbeiten zu können? Ist es dann auch legitim, solche Rabatte anzunehmen? Sind es überhaupt Rabatte?

Wenn sie es sind, und wenn sie zu den bösen Rabatten gehören – zu jenen, deren Nutzung uns zu wulffern macht, dann habe ich auch gewulfft. Zweimal. Beim ersten Mal war ich Anfang 20, Studentin, Praktikantin, freie Minijobberin, und was soll ich sagen: Ich war jung und brauchte das G…. Fünf Monate freie Mitarbeit hatte es mich gekostet, mir mühsam die erste digitale Spiegelreflexkamera vom Munde abzusparen. Jede Kröte, die sich sparen ließ, musste gespart werden. Und so habe ich schließlich eine Kamera gekauft, die ich mit 15 Prozent Nachlass bekam. Einfach weil die Bestellerin Journalistin war. Natürlich, ich hätte auch einfach noch einen 6. Monat sparen und sie mir dann zum vollen Preis leisten können. Aber erstens war Geduld schon damals nicht meine Stärke und zweitens sah ich in meinem Vorgehen nichts ehrenrühriges. Das zweite Mal war die Journalisten-Bahncard, die diese Diskussion erst losgetreten hat. Auch die ist vor allem für dienstliche Fahrten, jene im DJV, angeschafft worden und – soviel zu Transparenz und Offenheit – auch vom Verband bezahlt worden.

Meine Regel zu diesem Thema waren von Anfang an ziemlich einfach: Aus dem Beruf keinen Nutzen fürs Private ziehen. Ich hatte Lust auf einen Besuch auf dem Baumkronenpfad, musste oder wollte aber nicht darüber berichten? Dann habe ich natürlich voll bezahlt. Ich brauchte eine vernünftige Digitalkamera, ohne die ich vom Lokalblatt keine Aufträge bekommen hätte? Warum nicht jede Chance zum Sparen nutzen? Weder bei Kamera noch bei Bahncard sah ich mich im Konflikt, obwohl ich mit erster natürlich auch Familienfotos gemacht und mit letzterer selbstredend auch mal privat gefahren bin.

Heute bin ich rat-, plan- und ein bisschen meinungslos, was vor allem daran liegt, dass mir nicht so recht klar ist, wie man Presserabatte nun definiert, wo man die Grenzen zieht zwischen notwendiger Arbeitsunterstützung und beeinflussendem Rabatt. Sicher, nach Kamera und Bahncard habe ich nie wieder einen Rabatt genutzt. Aber liegt dem wirklich mein berufliches Ehrgefühl zugrunde oder nicht viel mehr die Tatsache, dass sich einfach kein gutes Angebot mehr ergeben hat, wenn ich eines brauchte? Daran, dass die technische Ausstattung heute mit den normalen Ladenrabatten nach dem Augen-Klimpern-Lächeln-und-Verhandlen-Programm oft viel billiger zu huaben ist als mit jedem Presserabatt vom Händler?

Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte mich eindeutig dagegen entschieden, Rabatte anzunehmen. Am besten aller Art, um mich gar nicht erst in Definitionsdiskussionen zu verstricken. Ob mich diese beiten Rabatte im Zweifel – also bei einer Berichterstattung über das jeweilige Unternehmen – wirklich korrumpieren würden, kann ich nicht sagen. Aber ich kann es eben auch nicht 100-prozentig ausschließen, und das allein ist schon Grund genug, künftig keine Rabatte mehr anzunehmen, die es nur gibt, weil ich Journalistin bin. Paybackpunkte sammeln, sollte doch unschädlich sein (ja ja, bis auf die Sache mit dem gläsernen Kunden, aber hey, ich bin bei Facebook und bei google angemeldet…).

Für die Vergangenheit bleibt mir nur wie vielen Kollegen die reuige Einsicht: Hin und wieder mal gründlich vor der eigenen Tür gekehrt, hätte verhindert, dass man vor lauter „Haben-wir-schon-immer-so-gemacht“-Staub den richtigen Weg nicht mehr sieht.

Deshalb also: Ja, ich habe gewulfft, aber ich tue es nicht wieder. Denn: Als Freie brauche ich zwar immer noch das Geld, bin aber nicht mehr so jung, um die Unerfahrenheit im Beruf als Entschuldigung ins Feld zu führen.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

Ein Kommentar zu “Habe ich gewulfft?

  1. Pingback: Auch 100 Prozent Presserabatt korrumpieren uns nicht | Froitzheims Wortpresse

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