Ergebnis einer Lächelwoche

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Foto: twinlili  / pixelio.de

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Montag: Wenn eine Lächelwoche so beginnt, braucht es eine Menge Sturheit, um dranzubleiben. Dafür sorgten ein Beinahe-Unfall und die absolute Gewissheit, dass ich alle, wirklich alle anlächeln kann, aber niemals mich selbst – jedenfalls nicht so früh am Morgen, ungeschminkt und noch im Halbschlaf. Daran änderte sich die ganze restliche Woche nichts. Allerdings startete die Lächelwoche so richtig auch erst einen Tag später. Am Montag vergaß ich nämlich immer wieder zu lächeln.

Dienstag: Ein bisschen enttäuscht war ich , dass niemand überhaupt bemerkt hat, dass ich ständig lächelte. Keiner fragte, warum ich so gut drauf war. Es fragte nicht mal jemand, ob ich (psychologische) Hilfe brauche. Zunächst versuchte ich, noch mehr zu lächeln. Aber ich musste feststellen, dass das dann eben doch nicht immer angebracht ist. Der Besitzer der Tierpension, den ich an diesem Tag überzeugen wollte, mich für eine Reportage ein paar Stunden in seinem Betrieb mitlaufen zu lassen, hätte sich sicher nicht so kooperativ gezeigt, wenn ich seine Schilderungen über die Schwierigkeiten, die er am Anfang hatte, mit einem Dauergrinsen begleitet hätte. Deshalb beschloss ich irgendwann, das ausbleibende Feedback als Kompliment zu nehmen: Immerhin kann man das ja auch dahingehend interpretieren, dass ich immer schon viel gelächelt habe und eine Lächelwoche deshalb gar nicht als ungewöhnlich auffällt.

Mittwoch: Zeit für das Straßenexperiment. Wie geplant lächelte ich zunächst alte Menschen und Kinder an, um die Hemmschwelle zu senken. Bei den Älteren klappte das auch prima. Die meisten runzelten nicht einmal irritiert die Stirn, sondern freuten sich einfach und lächelten zurück. Ein gutes Gefühl. Danach fühlte sich mein eigenes Lächeln auch nicht mehr aufgesetzt an, nicht mehr wie eine Maske, sondern wie ein echtes Gefühl. Dafür hätte man mich für das Experiment mit den Kindern tatsächlich beinahe weggesperrt – jedenfalls deutete ich so den Blick vieler begleitenden Erwachsenen. Ich finde es traurig, dass man zu einem Verdächtigen wird, nur weil man ein Kind nett anlächelt. Sogar die Kinder selbst – jedenfalls spätestens ab dem Grundschulalter – reagierten auf mein Lächeln nicht wie erwartet. Kein einziges erwiderte die Geste. Einige starrten mich einfach nur unbewegt an, als wollten sie herausfinden, was wohl hinter der seltsamen Grimasse steckt. Dem standzuhalten ist deutlich schwerer, als man glaubt. Einige andere Kinder reagierten mit sichtbarer Ablehnung, andere mit Erschrecken. Seither frage ich mich, ob man als Elternteil tatsächlich gezwungen ist, seinen Kindern beizubringen, dass ein Lächeln fremder Menschen etwas potenziell schlechtes ist, weil man sie nur so schützen kann. Oder sollte es nicht vielmehr Aufgabe der Erwachsenen sein, den Kindern die Sicherheit zu geben, unbeschwert und natürlich auf Freundlichkeit zu reagieren und sie zugleich zu lehren, Freundlichkeit nicht mit Vertraulichkeit zu verwechseln?

Donnerstag: Zeit für eine erste Bilanz, immerhin war die Arbeitswoche so gut wie vorbei. Am Freitag wollte ich von zu Hause aus arbeiten und für das Wochenende hatte ich Pläne, die es unmöglich machten, nicht zu lächeln. Die Lächelwoche war bis hierhin ein voller Erfolg. Keine größeren Katastrophen mehr, wenig Stress, viel positives Gefühl. Kann aber auch einfach daran gelegen haben, dass die Woche einfach extrem entspannt war. Trotzdem: Zwei Termine, die normalerweise ein hohes Frustpotenzial bieten, liefen geschmeidig. Ich bilde mir nun gerne ein, dass das auch am Lächeln gelegen hätte. Immerhin würde das bedeuten, dass ich zumindest eine grundlegende Kontrolle darüber habe, WIE beschissen eine Woche wird. Und wie schon mein Vater immer sagt: Einbildung ist schließlich auch eine Bildung.

Freitag: Man soll den Tag eben nicht vor dem Abend loben. Die größte Herausforderung der Woche: Lächeln, auch wenn man eigentlich lieber Zähne zeigen würde. Ich hab es nicht geschafft. Ich bin zu stur und definitiv nicht ich-halte-auch-die-andere-Wange-noch-hin-genug, um einen Streit mit einem lächelnden Versöhnungsangebot zu beenden – jedenfalls nicht, wenn ich das Gefühl habe, ungerecht behandelt worden zu sein. Aber immerhin: Ich war an diesem Tag auch laufen und habe sogar versucht, die Rücken derjenigen anzulächeln, die mich überholt haben – und das waren nicht eben wenige. Aber ich blieb gelassen und gönnte ihnen ihre Geschwindigkeit, zumal ich mit meiner auch neue Höhen erklommen hatte. Das Lächeln musste ich trotzdem auf halber Strecke einstellen: Mit gespannten Lippen atmet es sich einfach nicht schnell und tief genug.

Samstag und Sonntag: Wie kann man da nicht lächeln?

Fazit: So eine Lächelwoche hilft wirklich. Nicht unbedingt, weil das Feedback automatisch ein freundlicheres wäre und auch nicht, weil ein Lächeln dem Hirn irgendwie Glück suggeriert – meinem jedenfalls nicht. Aber sie hilft, weil man jeden Anlass zum Lächeln bewusster wahrnimmt und deshalb später auch erinnert. So verändert sich das Gefühl für die Woche. Wer viele Lächelmomente erinnert, bewertet eine Woche vermutlich positiver als jemand, der diese winzigen Momente über die großen Stressfaktoren und Frustsituationen total verdrängt. Ich werde das jetzt öfter machen.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

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