Peinliche Hobbys

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Foto: Anita Grasse

Foto: Anita Grasse

Manchmal bin ich meinem Freund ein bisschen peinlich. Wenn es um meine Art zu entspannen geht, zum Beispiel. Dass ich es herrlich erholsam finde, mich einer stundenlangen Trash-TV-Orgie hinzugeben, findet er anstrengend. Während ich mich von Privatdetektiven zu Schulermittlern zu Psychologen zu zickigen Bälgern zappe und mit jeder verkrachten Bildschirmexistenz meine Probleme und meinen Ärger immer ein bisschen harmloser finde, bekommt er Migräne von den keifenden, quietschenden, schreienden Stimmen.

Da ist ihm Hobby Nummer zwei schon lieber, wenn er darüber auch nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbricht. Und, zugegeben, manchmal ist mir dieses Hobby sogar selbst ein bisschen peinlich: Ich liebe Klatsch und Tratsch aus europäischen Königshäusern. Vermutlich bin ich die am besten informierte Journalistin in Thüringen, wenn es um den künftigen Nachwuchs von William und Kate geht, um die Hochzeitsvorbereitungen von Madeleine von Schweden, den angeblichen Konkurrenzkampf von Marie und Mary von Dänemark oder die vermeintlichen Eheprobleme von Charlene und Albert von Monaco.

Es ist sozusagen das Gegenprogramm zum Trash-TV. Beides zusammen hält mich bei Laune – und in der Sicherheit, dass mein Leben doch eigentlich ziemlich gelungen ist. Das Eine führt mir vor Augen, wie ätzend es auch hätte werden können, das Andere, dass selbst die Reichen, Schönen und Adligen zu kämpfen haben. So in der Mitte, als Durchschnittsmensch, fühle ich mich nach einem Couchmarathon mit Dokusoaps im Fernsehen und einem Adelsblättchen in der Hand pudelwohl.

Dabei schaue ich mir in diesen Heftchen vor allem die Bilder an. Die Texte klingen meistens, als hätte man noch ein paar Seiten voll kriegen müssen, aber keine Zeit mehr für Recherche gehabt und sich deshalb was ausgedacht – oder die Körpersprache auf einem der großformatigen Fotos interpretiert und daraus Vermutungen zur Gebärfähigkeit, dem Geisteszustand und dem Grad der Verzweiflung/Verliebtheit abgeleitet. Aber was soll ich sagen? Ich bin eben ein Mädchen: Wenn es glitzert und funkelt, glänzt und glamourt, bin ich fasziniert. Immer schon gewesen. Wenn ich als Kind zum Fasching als Kleiner Muck ging, lag das eher daran, dass ich mich noch nicht wehren konnte. Sobald ich alt genug für eigene Vorstellungen war, blieb auch die Kostümwahl stringent. Ich ging zum zum Beispiel als Dornröschen, in einem Kleid aus einer mit blauen Rosen bedruckten Gardine, das meine Mutter selbst genäht hatte. Meine Krone war mehr ein Diadem, dessen gestärkte Tüllspitze mit vier oder fünf Strahlen bunter Pailletten glänzte. Bilder von Königskindern anzusehen, ist sozusagen, als ob das Prinzessinnenspielen in die Erwachsenenwelt gerettet worden wäre – zumal die aktuellen Prinzen und Prinzessinnen inzwischen mehr oder weniger in meinem Alter sind.

Und wegen eben dieser Bilder kaufe ich trotz aller Mängel billige Adelsheftchen. Würde man in Sachen Niveau eine Nummer höher ins Zeitschriftenregal greifen, bliebe man bei Gala, Bunte und Co. hängen, aber bei denen muss man sich erst seitenweise durch Jenny Elbers-Elbertzhagen und Heidi Klum blättern, um mal einen Schnipsel königlicher Berichterstattung zu bekommen. Viel zu nervig, denn was die beiden machen, interessiert mich mal so gar nicht. Deshalb werde ich also weiter hin und wieder meine Adelpostillen kaufen und regelmäßig ihre Online-Pendants besuchen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, peinliche Hobbys einzugestehen: Ja, ich höre auch gern Schlager.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

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