Winter ist eine Frage der Perspektive

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Dieser Text ist am 26. Januar 2013 in der Lokalausgabe Bad Langensalza der Thüringer Allgemeine erschienen.

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Bad Langensalza. Fünf Grad unter Null. Als ich vor der Friederikentherme in Bad Langensalza aus dem Auto steige, fühlt sich der Winter schrecklich an, und ich fange an zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, dem ausgerechnet mit einer Kältetherapie zu begegnen. 110 Grad unter Null erwarten mich in der Therme, obwohl dort schon das Foyer kuschelig warm ist.

Und auch die Kältekammer sieht harmlos aus. Ein Zimmer im Zimmer, verkleidet mit dicken Metallwänden und -türen. Durch beschlagene Fenster kann man ins Innere sehen. Die Kammer sieht aus wie eine Sauna ohne Bänke. Rundherum mit hellem Holz ausgekleidet, gerade so groß, dass man beim Im-Kreis-Laufen keinen Drehwurm bekommt. Und im Kreis laufen soll ich gleich, erklärt mir Sabine Heyer, die die Kälte- oder Cryotherapie, wie die Anwendung im Fachjargon heißt, durchführt. „Nicht hektisch werden, sonst wird es mit der Luft knapp“, rät sie noch, dann darf ich mich umziehen.

Wenn man nicht gerade bei der Zeitung arbeitet, sollte man sich in der Kältekammer besser nicht fotografieren lassen. Mütze, Wollhandschuhe, Mundschutz, Socken und Schnürstiefel zum Badeanzug sehen nicht wirklich sexy aus – und fühlen sich auch nicht so an. Aber die Kälte soll ja an meine Haut, sonst kann sie nicht wirken.

Wer das hier nicht nur aus Neugier macht, sondern als Therapie, hofft auf Schmerzlinderung. Vor allem bei rheumatischen, entzündlichen und einigen Hauterkrankungen kann die Kältekammer helfen. „Wir können nicht die Krankheit behandeln, aber die Schmerzen, die oft mit ihr einher gehen“, erklärt Sabine Heyer.

Mir ist mulmig zumute. Das Kameradisplay vor der Kältekammer zeigt drei Räume – und eine Temperaturanzeige. Die erste Kammer ist nur eine Schleuse, durch die ich gleich einfach hindurch gehen soll. Minus 15 Grad. Danach eine weitere Schleuse – Minus 60 Grad – und dann der Hauptraum mit Minus 103 Grad. An diesem Morgen ist die Kühlkammer noch nicht komplett hochgefahren, eine Stunde später wird sie bei 110 Grad unter Null angekommen sein.

Sabine Heyer kontrolliert, ob ich allen Schmuck entfernt habe und Handschuhe, Mütze und Mundschutz richtig sitzen, dann wirft sie einen dicken Wintermantel über und öffnet die Tür zur ersten Schleuse. Sie begleitet mich hinein und neben ihr fühle ich mich noch unpassender angezogen. Doch die erste Schleuse ist eine Überraschung: Die Minus 15 Grad fühlen sich nicht viel kälter an als die Zimmertemperatur im Vorraum. Das läge daran, dass die Luft hier drinnen so trocken sei, erklärt Sabine Heyer.

Auch die zweite Schleuse ist gut zu ertragen. Zugegeben, Minus 60 Grad sind kühl, aber ehrlich gesagt, habe ich dick eingepackt im Freien stärker gezittert als jetzt. Mein Puls macht einen kleinen Sprung, als Sabine Heyer die Tür zur Hauptkammer öffnet. Im ersten Moment bin ich nicht sicher, was ich fühle. Es ist kalt, aber der Schock, den ich erwartet hatte, bleibt aus.Sabine Heyer versichert sich, dass es mir gut geht, dann verlässt sie die Kammer und drückt draußen vor dem Fenster auf die Stoppuhr. Meine drei Minuten laufen – genau wie ich.

Ich bewege mich langsam im Kreis, beim Ausatmen verschwindet der Raum kurz hinter weißen Wolken, die aus meinem Mundschutz aufsteigen. Die feinen Härchen in der Nase kleben zusammen. Mit jeder Runde spüre ich die Kälte stärker. Die Stimme von Sabine Heyer, die mir durch ein Mikrophon alle dreißig Sekunden die verstrichene Zeit ansagt, wird mein Anker. An Oberschenkel und Po fühlt sich die Luft jetzt an, als würde ich mit einer harten, aber feinen Bürste massiert. An der Innenseite der Arme scheint die Haut dünn wie Papier und brennt. Allmählich wird es schmerzhaft, aber mich hat der Ehrgeiz gepackt. Sabine Heyer hatte mir gesagt, dass die wenigsten Patienten beim ersten Mal drei Minuten durchhalten. Nach zweieinhalb Minuten reicht es mir eigentlich, aber das will ich jetzt schaffen. Und dann ist es vorbei.

Wieder im warmen Vorraum fange ich plötzlich an, zu zittern. Als ich mich wieder anziehe, fühlt sich meine Haut an wie mit feinem Samt bezogen, den man gegen den Strich bürstet. Ich bin wie berauscht. Die Müdigkeit ist weg, die Haut ist rosig. Ich fühle mich fit und voller Tatendrang. „Ganz normal“, sagt Sabine Heyer lächelnd. In Japan sei die Cryotherapie aus diesem Grund zu einer Modeerscheinung geworden, mit der sich Manager in der Mittagspause in Form bringen. Nur eines sagt sie mir nicht: Dass ich aussehe wie ein Panda. In der Kälte bilden sich in den Wimpern kleine Eiskristalle, die in der Wärme wieder tauen – und mit ihnen die Wimperntusche.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

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