Skyfall – Zumindest der Titel passt

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Achtung, Spoilergefahr! Wer den neuen Bond-Film noch nicht gesehen hat und das noch tun will, sollte an dieser Stelle erst danach weiterlesen. Allen anderen: Viel Spaß – beim Lesen hoffentlich mehr als im Kino.

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Liebe Kollegen von der Filmkritik: Ist das euer Ernst? „50 Jahre nach „Dr. No“ ist der 23. Bond wieder bondastisch!“ (bild.de) „‚Skyfall‘ hat sämtliche klassische Zutaten eines James-Bond-Films“ (stern.de) „‚Skyfall‘ ist schlichtweg grandios.“ (20min.ch) Ehrlich? Haben wir den selben Film gesehen? Oder auch nur den gleichen?

In dem Kino, in dem ich „Skyfall“ gesehen habe, liefen 145 Minuten (plus 40 Minuten Werbung) bohrende Langeweile voller unlogischer Zusammenhänge und unglaublich unbondiger Charaktere. Und das alles in einer Geschichte, die wirkt, als hätten die Drehbuchschreiber keine eigenen Ideen mehr gehabt und überall in der Filmgeschichte ein bisschen geklaut: Ein bisschen „Psycho“, eine Prise „Apocalypse Now“, eine Kleinigkeit „MacGyver“ und etwas „Kevin allein zu Haus“.

Alle Welt lobt den gebrochenen, alkoholkranken, schießunfähigen, mit sich selbst hadernden, alternden Bond dieses Films als besonders tiefgründig. Aber mal ehrlich: Warum schaue ich mir denn bitte einen Bond an? Doch nicht, um einen abgehalfterten Ex-Helden zu sehen, den Rückschläge niederstrecken und der im Kampf Mann gegen Mann aussieht, als hätte er gerade eine künstliche Hüfte eingesetzt bekommen. Wenn ich verletzliche, normale Männer sehen wollte, würde ich mir die 10,30 Euro (!) für die Kinokarte sparen. Wenn ich mir einen Bond ansehe, will ich einen Helden. Einen Mann, der sexy, unendlich cool, unverwundbar und verwegen ist. Einen Gentleman, der trotz seines Jobs integer und loyal ist. Ganz gewiss keinen, der zwei Mal untätig daneben steht, wenn ein Bösewicht einen / eine Unschuldige ermordet, und der erst danach anfängt, die Fieslinge aufzumischen. Und auch keinen, der an seiner eigenen Vergangenheit beinahe zugrunde geht. Keinen, der nicht mehr einsatzfähig ist, weil er altert, und keinen, der im ganzen Film vielleicht vier coole Sprüche über die Lippen bringt.

Es ist eine Schande. Daniel Craig kann Bond. Der Mann hat genug Kanten, um aufregend zu sein, und so schöne Augen, dass ihn auch romantischere (Frauen-)Gemüter anschmachten könnten. Er hat die Attitüde des alten Bond, wenn er sich – eine der wenigen guten Szenen im Film – mitten im Kampf die Manschetten gerade zieht. Um Himmels Willen, lasst den Mann doch einfach James Bond sein! Es gibt Dinge, die muss man nicht ständig neu erfinden; Dinge, die auch oder gerade gut sind, wenn sie nicht dem jeweiligen Zeitgeist hinterher hecheln. James Bond gehört zu diesen Dingen. Gut, ich finde es prima, dass die Bond-Girls tougher geworden sind, aber muss James Bond deshalb weniger männlich werden? Der Frauenheld Bond findet in „Skyfall“ quasi nicht mehr statt. Mir ist nicht mal klar, ob es ein Bond-Girl gibt. Eines ist eher ein Opfer als eine Verführerin – und stirbt gefühlte zehn Minuten, nachdem sie ihn kennen gelernt hat. Noch dazu wenig elegant oder extravagant, durch einen Kopfschuss (bei dem er tatenlos daneben steht). Die andere Frau im Film, die für mich durchaus Bond-Girl-Qualitäten hätte, ist die Agentin, die ihn ganz am Anfang versehentlich abknallt. Sie ist selbstbewusst, skrupellos, sexy, sieht im Abendkleid ebenso toll aus wie mit einem großen Gewehr im Arm – und erweist sich ganz am Ende als die neue Moneypenny.

Noch so ein unlogischer Charakter! Hallo, Moneypenny? Das Naivchen, das sich nach Bond verzehrt, keine Ahnung hat, wie man eine Pistole richtig hält, und zu schüchtern ist, um 007 bei der Begrüßung in die Augen zu sehen – diese Frau soll vor ihrer Tippsen-Zeit aktive Agentin im Außeneinsatz gewesen sein, die ihn nicht nur über den Haufen knallte, sondern sich in einem schicken Hotel auch holte, was sie wollte, nämlich James Bond? Im Leben nicht! Diese Auflösung hat mir allen Spaß an dieser Rolle versaut – und dabei ist sie eine der besten Figuren in „Skyfall“.

Und dann ist da noch Javier Bardem als erblondeter Fiesling Silva – von dem ich nicht weiß, wie er zu diesem Namen gekommen ist, irgendwann erklärt M. nämlich, es handle sich dabei um den Ex-Agenten Rodriguez. In der Kritik wird Bardem gefeiert für diese Rolle, und tatsächlich ist er der Einzige, mit dem ich mich länger beschäftigt habe, aber nur, weil ich nicht wusste, warum ich ihn als Fiesling so schlecht fand. Er wird eingeführt in einer seltsamen Szene, in der er den gefesselten Bond anmacht. Mit der blonden Matte und dem Chi-Chi-Outfit erinnerte mich das verdächtig an eine Boratverfilmung. Weitergeführt wird das nicht, er erweist sich nicht als homosexuell. Es spielt nach dieser Episode keine Rolle mehr, er hat nicht mal besonderes Interesse an Bond als Agenten. War die Szene vielleicht nur eine Hommage an die political correctness? Keine Ahnung, sie trägt jedenfalls nicht dazu bei, Figur oder Film besser zu machen. Dabei gewinnt die Rolle im Laufe des Films, aber ein echter Bond-Fiesling wird er nie, denn er ist nicht einfach nur böse. Er ist durchgeknallt, unzweifelhaft, aber aus nachvollziehbaren Gründen. Er will Rache an M. – und nimmt Kollateralschäden zwar hin, will aber eigentlich nur sie – was irgendwie verständlich wird, wenn man hört, dass sie ihn geopfert und brutalster Folter ausgesetzt hat. Ich will aber kein Mitleid mit einem James-Bond-Bösewicht haben. Ich will im Kino eine klares Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Bond und der Andere. Damit aber kann „Skyfall“ nicht dienen. Irgendwie sind alle ein bisschen böse – und ein bisschen gut. Normal eben. Furchtbar!

Dass der Film dann auch noch vor unlogischen Effekten strotzt, ist schon nur noch ein kleines zusätzliches Ärgernis. Beispiel gefällig? In einem Tunnel erlischt schlagartig ein enormes Feuer. Nun war ich in Physik nie ein Überflieger, aber soweit ich weiß, tut es das nur, wenn aller Sauerstoff verbraucht ist. Umso erstaunlicher, dass Bond in dieser Atmosphäre nicht nur normal atmen, sondern auch rennen und reden kann. Oder hier: M. – wir erinnern uns: seit Jahren als Frau an der Spitze des MI6 – flieht mit dem Wildhüter der Familie Bond während des Showdown über offenes Feld, nachts, hinter ihr explodiert ein Haus, der Böse ist noch nicht nachgewiesen tot, aber sie lässt sich den Weg munter mit einer Taschenlampe leuchten. Wäre sie wirklich so blöd, wäre sie erschossen worden, lange bevor sie auch nur in die Nähe des Chefsessels gekommen wäre.

Mein Fazit: „Skyfall“ ist ein Reinfall. Wenigsten der Titel stimmt. Skyfall bedeutet Wolkenbruch, und tatsächlich ließ er Bond-Fans und solche, die dachten, es mit diesem Film werden zu können, gnadenlos im Regen stehen. Schade um das Geld und die Zeit.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

2 Kommentare zu “Skyfall – Zumindest der Titel passt

  1. Pingback: Krasse Grasse ist sauer auf Bond … | Curcuma Medien

  2. Liebe Anita, danke für den Vorab-Hinweis: Ich habe mit dem Lesen tatsächlich gewartet, bis ich den Film selber gesehen habe. Zum Glück. Du denkst zuviel nach. Das ist bei einem James Bond absolut nicht notwendig und eigentlich auch noch nie angebracht gewesen. So viel Fake, so viel Unlogisches, jedes Mal – ich habe das Nachdenken darüber schon lange aufgegeben. Stattdessen genieße ich nur noch! Die Folge: Ich finde Skyfall großartig und halte Daniel Craig für den besten Bond aller Zeiten. Auf ein langes Bond-Leben, D.C.

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