Wie viele Journalisten braucht man, um eine Lokalausgabe zu füllen?

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Foto: r  / pixelio.de

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Kennen Sie den Witz, in dem es darum geht, wie viele Blondinen (oder auch Beamte, Männer, Frauen oder Ostfriesländer) man braucht, um eine Glühbirne einzudrehen? Nun werden Glühbirnen, oder besser Glühlampen, ab sofort nicht mehr produziert, aber es wäre schön, wenn die Pointe dieses Witzes Realität in den Redaktionen diverser Lokalzeitungen würde. Allerdings scheinen Verlagsmanager und zunehmend auch Chefredakteure unbedingt beweisen zu müssen, dass sie den Witz verstanden haben, und wissen, wie es richtig geht.

Auf diesen Gedanken könnte man zumindest kommen, wenn man sich die personelle Ausstattung der eine oder anderen (oder auch der meisten) Lokalredaktion regionaler Tageszeitungen ansieht.

So viel habe ich in den vergangenen Wochen gelernt: Zu zweit kann man definitiv keine Redaktion führen. In einigen Redaktionen, in denen ich gearbeitet habe, war das in diesen Wochen die Ausnahme: Weil Kollegen krank waren oder nach Monaten endlich mal wieder Urlaub machten. Das ist schon bedenklich genug. Noch schlimmer, wenn es in der Region, in denen diese Redaktionen arbeiten, kaum mehr als einen oder zwei freien Kollegen gibt, die solche Engpässe abfangen können, indem sie spontan mehr Termine und Geschichten übernehmen. Verwunderlich ist es indess nicht, wenn die Bezahlung für Freie sich unter dem bewegt, was man bei einem passablen Studentenjob verdienen kann.

So richtig gruselig aber wird es, wenn dieser Ausnahmezustand die Regel wird. Wenn zwei Personen plus Fotograf die Maximalbesetzung einer Redaktion sind. Wenn dann einer krank wird, Urlaub hat oder auch nur freie Tage von den ständigen Wochenenddiensten nimmt, sorgt jede spontane Terminänderung, jedes aktuelle Geschehen für Katastrophenstimmung, weil das Klonen und Beamen nun mal einfach noch nicht erfunden ist.

Könnte man beliebig viele Ichs von sich selbst in kürzester Zeit zu zig verschiedenen Terminen beamen, wäre der Energiespar-Redakteur geboren. Würde dann die Produktion einfacher Redakteure, die es für eine Tugend halten, sich nur auf eine Sache zur gleichen Zeit zu konzentrieren, und das eine richtig fertig zu machen, bevor man das andere beginnt … würde die Produktion dieser Redakteure dann eingestellt wie die Produktion der Glühlampe?

Bis es soweit ist, sind wir Freuberufler die Energiespar-Redakteure. Nur dürfen wir uns nicht so nennen, weil „Redakteur“ ja ein geschützter Titel ist. Deshalb dürfen wir auch keine Kommentare oder Kolumnen schreiben. Aber Seiten füllen dürfen wir, Dienste schrubben und Termine besetzen – und machen das meist auch gerne, denn, um eine Lanze für die Kollegen vor Ort zu brechen: Die Arbeit mit ihnen macht Spaß. Trotzdem: Es wäre schön, wenn Zeit bliebe, Geschichten aufzuspüren statt nur die offensichtlichen mitzunehmen. Wenn Zeit bliebe, mit Lesern und Informanten richtig ins Gespräch zu kommen, statt nur die wichtigsten Fakten abzufragen. Es wäre schön, wenn man, um eine Lokalredaktion zu führen, sechs, acht oder zehn Menschen hätte – so wie man je nach Version des Witzes sechs, acht oder zehn Blondinen braucht, um die Glühlampe einzudrehen.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

2 Kommentare zu “Wie viele Journalisten braucht man, um eine Lokalausgabe zu füllen?

  1. „Freuberufler“ sind wir doch eigentlich alle schon lange nicht mehr. 😦

  2. Ach doch, ungefähr 30 Prozent meiner Freien-Tage sind Freutage. Das ist natürlich nicht soviel, wie bei meinen freien Tagen – da sind fast 100 Prozent Freutage 😉

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