Wenn das leibliche Wohl in Reimform das Tanzbein schwingt

6 Kommentare

Das war eine lange Blogpause, aber ich habe sie gut genutzt. Ich habe gesammelt. Pressemitteilungsauswüchse gesammelt. Ich habe die große Freude jede Woche bis zu 190 Zeitungszeilen á 30 Anschläge mit Wochenend-Tipps füllen zu dürfen. Dafür lese ich also jeden Mittwochmittag Meldungen der Kollegen aus den Lokalredaktionen (im besten Fall) oder Pressemitteilungen (im lustigsten bis grausigsten Fall).

 

Dass bei jeder Karnickel-, Hühner- und Taubenschau, beim Feuerwehr-, Sport- oder Knutfest, bei Kirmes, Fasching und Pfingstfeiern für das leibliche Wohl gesorgt ist und ein buntes Bühnenprogramm geboten wird, daran habe ich mich längst gewöhnt. Auch über die „tolle Stimmung“, die die Kapelle verbreitet, und das Tanzbein, das die Gäste schwingen können, kann ich hinweg lesen.

 

Wenn ich aber so etwas bekomme, bleibe ich sprach- und ratlos zurück:

„Liebes Theaterpublikum,
ich tanze um die Welt herum,
freu‘ mich ein zweites Mal zu kommen.
Doch werd‘ ich von Dir angenommen?
Was braucht es, um dich anzulocken?
Muss ich mit einem Striptease schocken
oder gar einen Kopfstand wagen
und Schaum mit beiden Ohren schlagen?
Wirkt öffentliches Urinieren
und Presseleute attackieren?
Hilft mir im Suff ein Schlagabtausch?
Ein Sexskandal? Ein Drogenrausch?
Raicht’s nicht, mit Herz zu musizieren,
mit Witz und Können zu brillieren?
Sie kennen mich nicht, meine Dame?
Gestatten, Tango ist mein Name.
Ich bin ein Körper mit vier Beinen,
die sich mal trennen, mal vereinen,
vier Hände, die sich heiß berühren,
zwei Hintern, die sich amüsieren.
Mehr Infos gibt’s bei www.
Stan minus Meus punkt de.
Der Kartenvorverkauf? Wo schon?
In der Touristinformation!“

 

Diese „Pressemitteilung“ von Barbara Bürger schickte mir das Theater Hildburghausen von ein paar Wochen. Ein paar einleitende Worte waren auch dabei, allerdings keine, die mir erklärt hätten, worum es denn nun wirklich geht bei diesem Termin.

 

Zugegeben, dies ist ein Einzelfall, und dazu einer, der, obwohl er alle journalistischen Regeln in den Wind schießt, selbst jetzt nach Wochen noch lustig und charmant ist. Doch auch lustig und charmant nervt irgendwann, denn in 190 Zeilen passen fast 20 Wochenend-Tipps. Wenn ich die alle nachrecherchieren muss, weil ihre Ankündigungen zwar lieb geschrieben sind, aber weder das Wo noch das Wann, Wer oder Was erschöpfend beantworten, verbringe ich nur mit den Tipps einen kompletten Arbeitstag. Das, liebe Medienverantwortlichen aller Vereine, Organisationen, Interessenverbände, Kultureinrichtungen, Stadt- und Gemeindeverwaltungen und Partyveranstalter, ist NICHT LUSTIG!

 

Deshalb hier eine kleine Lektion. Wenn Sie Ihre Pressemitteilungen künftig nach den Regeln der nächsten sieben Zeilen schreiben, werden wir gut miteinander auskommen: Beantworten Sie in den ersten paar Sätzen Ihrer Pressemitteilungen bitte einfach und ausschließlich die W-Fragen (Wer hat was wann wo wie warum getan und woher kommen diese Informationen). Diese Fragen, die die Grundlage jeder Art von Journalistenausbildung sind oder sein sollten, sagen mir alles, was ich brauche, um zügig zu arbeiten. Geben Sie dann noch eine Telefonnummer an, unter der Sie auch wirklich zu erreichen sind, wenn ich eine Nachfrage habe, schreibe ich Ihnen irgendwann sogar Weihnachtskarten – gerne auch in Reimform, wenn Sie wollen.

 

Nach diesem komprimierten Informationsabsatz können Sie dann übrigens gerne wieder von den Tanzbeinen, dem bunten Bühnenprogramm, dem leiblichen Wohl und der tollen Stimmung reden – von mir aus auch in Versen. Und wenn ich dann plötzlich viel mehr Zeit habe, weil das Schreiben der Wochenendtipps nun so schnell geht, lese und amüsiere ich mich gerne wieder über „Pressemitteilungen“ wie oben genannte, in der übrigens ein Tangoabend angekündigt wurde. Das allerdings verriet mir erst ein Besuch auf „www. Stan minus Meus punkt de.“

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

6 Kommentare zu “Wenn das leibliche Wohl in Reimform das Tanzbein schwingt

  1. Wie geil *lach* wenns die Arbeit nicht unnötig erschweren würde, wäre das doch eigentlich eine willkommene Abwechslung zum drögen PR-Alltag! Und hey, ich bin stolz auf mich – auch nach 2 Jahren Abstinenz hätte ich die W-Fragen noch problemlos ausm Ärmel schütteln können *hooray*

  2. „Das, liebe Medienverantwortlichen aller Vereine, Organisationen, Interessenverbände, Kultureinrichtungen, Stadt- und Gemeindeverwaltungen und Partyveranstalter, ist NICHT LUSTIG!“

    Stimmt. Lustig ist das nicht, auch nicht witzig:
    http://chrismon.evangelisch.de/blog/erledigt/frau-otts-endgueltige-ablage-diesmal-witzig-13515
    😉

    Schade übrigens, dass die Süddeutsche ihre „Helden der Lyrik“ abgeschafft hat. Da wäre der Tango ein Glanzlicht gewesen.

  3. Das „n“ ist gelöscht. Übrigens haben wir so eine Rubrik auch. Lyrik vom Leser ist aber noch mal einen Zacken atemberaubender als jede Pressemitteilung.

    Übrigens, ein wahres Wort steckt hinter deinem Link. In diesem Fall war der Satz aber bewusst gewählt, weil ich stets unterstelle, dass solche Auswüchse vielleicht doch lustig gemeint sein soll.

  4. das gedicht sollte man in den schulunterricht zum rezitieren-üben geben

  5. Neues Highlight „salzige Gesellen im Aquarium“. Es handelt sich dabei um ein Zierfischbörse.

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