Kein Politikjournalist – und stolz drauf!

11 Kommentare

Dass jeder Branchenfremde glaubt, mein Berufsalltag wäre das reine Honigschlecken, das nur aus lesen, quatschen und ein bisschen schreiben besteht – was überdies doch jeder Depp besser kann – daran habe ich mich gewöhnt. Das lächle ich einfach weg. Oder ich frage, bei besonders hartnäckigen Vertretern, ob sie auch glauben, die Fußball-Nationalmannschaft viel besser trainieren zu können als Herr Löw. Manchmal mache ich mir sogar die Mühe zu erklären, warum eben nicht jeder ein Journalist ist, der mit dem Duden umgehen und mehr als 20 Zeichen pro Minute orthografisch korrekt tippen kann.

Dass aber sogar manche Kollegen spöttisch lächeln, sobald sie erfahren, dass ich die Senioren-Seiten schreibe und die Ratgeber-Tante der Zeitung bin, das macht mich wirklich sauer. Erst recht, weil ich das gerne mache, gleichzeitig aber Politikberichterstattung (meist) gähnend langweilig finde. Dass darf man unter (Print-)Journalisten nur nicht laut sagen, wenn man ernst genommen werden will.

Ich mache „Wohlfühl-Journalismus“, so hat es einer meiner Lieblingskollegen (und das ist jetzt nicht ironisch gemeint) einmal genannt, und er hat recht. Ich schreibe Texte, von denen ich hoffe, dass die Menschen, die sie lesen, unterhalten, im besten Falle sogar fasziniert sind. Ich mag es, harmonische Geschichten zu erzählen und ich finde es erzählenswert, wenn eine von deutschlandweit nur noch acht Schirmmacherinnen seit Jahren einen kleinen Laden in Weimar betreibt, oder ein über 70-Jähriger wie ein junge Hüpfer an Geräten turnt und sich so über den Tod seiner Frau tröstet.

Doch das alles ist unter „Kollegen“, so scheint es oft, nicht viel Wert. Nur wer Skandale aufdeckt (oder herbeischreibt), wer kritisiert und insistiert, gilt manchen wirklich als Journalist. Genauer: Nur Politik und Wirtschaft gelten als wirklich journalistisch.

Das macht mich wütend, denn handwerklich unterscheidet sich meine Arbeit nicht von der eines Politikjournalisten. Auch ich suche ständig nach spannenden Themen, auch ich führe dafür Hintergrundgespräche, auch ich rede mit Interviewpartnern, auch ich frage kritisch nach, wenn mir etwas seltsam erscheint, und auch ich beantworte in meinen Texten die W-Fragen. Nur meine Inhalte unterscheiden sich. Ich habe mich für Senioren- und Verbraucherthemen, für Service, entschieden und für meist deutlich längere Erzählformen, aber mein Handwerk beherrsche ich trotzdem. Ist das nicht überraschend? (Das nun WAR ironisch gemeint.)

Advertisements

Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

11 Kommentare zu “Kein Politikjournalist – und stolz drauf!

  1. Ich weiß sooooo gut, wie Du Dich fühlst… war ja auch ne Weile lang „Ratgebertante“ oder zumindest Verbraucherredakteurin und habe dafür einige spöttische Kommentare geerntet. Aber hey, auch ich oute mich – Politikjournalismus ist LAAAANGWEILIG – und die Leute, über die man da schreibt, sind meist Selbstinszenierer und meinen kein einziges Wort von dem, was sie Dir erzählen. Du zumindest kommst in Kontakt mit „wirklichen“ Leuten, wenn Du verstehst, was ich meine… Weiter so! Ich bewundere Deinen Job, denn ich weiß, wie schwer es ist…

  2. Also bevor ich – wie viele freie Journalisten – am Hungertuch nage, versuche ich doch, in meiner Nische erfolgreich zu sein. Du machst das genau richtig.
    Liebe Grüße und bis Samstag!

    Timo

  3. Ich halte Politik (jedenfalls im Lokalen) für einfacher als beispieweise Vereine. Die Anzahl ist überschaubar, hier gibt es 71 Stadtverordnete, die kann man schnell kennen, es gibt klares Pro und Contra , monatliche Treffen und alle paar Jahre wird die Bedeutung der Akteure über Wahlen neu ermittelt.

    Bei Vereinen ist das viel komplizierter. Es gibt viel mehr, und wie wichtig ein Verein ist, kann man nur grob schätzen – wenn er nicht gerade 2000 Mitglieder wie so mancher Sportverein hat. Dann wechseln da gefühlt laufend die Vorstände, Vereine teilen sich auf, weil es Zoff gab – aber keiner will das breittreten. Und über Vereinsfeste ist auch schwierig zu berichten, wenn man keinen Bratwurstjournalismus will.

  4. @Marc: Für Vereinsfeste braucht man Zeit- und Geld für ’ne Bratwurst. Isst man die dann auf ner Bierbank zwischen Vereinsmitgliedern und Gästen, muss man oft nur noch zuhören und schon laufen einem spannende Geschichten über den Weg. Die Geschichte ist dann mein Text, das Fest nur der Aufhänger und alle sind trotzdem glücklich.

    Recht hast du trotzdem: Vereine können anstrengend sein, das sind aber Lokalpolitiker (und Senioren) auch und gute Geschichten finden sich manchmal bei allen.

    @Mara: Ich verstehe vollkommen, was du meinst – und gebe dir völlig Recht 😉

    @Timo: Juhu, ich freu mich schon irre auf Hamburg. Übrigens, an alle, die es noch nicht wissen: Samstag und Sonntag „24 Stunden Zukunft“, der DJV-Kongress für junge Journalisten. Timo, kann man sich eigentlich noch anmelden?

  5. Jein. Natürlich ist Ratgeberjournalismus handwerklich anspruchsvoll, das will niemand bestreiten. Aber: Die Welt, wie ich sie sehe, ist unglaublich unübersichtlich und ächzt unter Widersprüchen. Meinen Job als Journalist verstehe ich nicht zuletzt so, dass ich auf diese Widersprüche aufmerksam machen möchte, das Ergebnis sind Texte, die alles sind, nur nicht harmonisch. Indem man aber harmonische Texte schreibt, kleistert man die Widersprüche zu, betreibt man, um einen marxistischen Begriff aus der Mottenkiste zu holen, Systemstabilsierung. Und das darf man, bei aller Wertschätzung Ihrer Arbeit, auch kritisieren.

    (Und das sage ich als Kulturredakteur, der von den Politikkollegen ebenfalls immer wieder als nicht so richtiger Journalist belächelt wird, weil er nicht mit hard facts hantiert, sondern mit „leichter Muße“.)

  6. Lieber Zahnwart,

    da muss ich ein Missverständnis aufklären. Natürlich müssen Ungereimtheiten aufgedeckt werden und natürlich sind unbequeme Texte wichtig, aber sind Geschichten, die das nicht sind, deshalb überflüssig?

    Meine Themen geben einfach nur selten Kontroverse her. Da geht es um Senioren, die spannende Lebensgeschichten hinter sich haben, oder im Alter interessante Projekte starten. Diese Themen erzähle ich so, wie sie mir begegnen: Unterhaltsam, manchmal fasziniert und beeindruckt und eben auch oft harmonisch.

    Ich achte und respektiere jeden Kollegen, der mit seiner Arbeit die berühmte Wächterfunktion ausfüllt, und dabei ist mir ganz egal, ob er Politik-, Wirtschaft-, Kultur- oder Lokaljournalist ist. Aber genau diese Achtung möchte ich auch für mich und meine Arbeit beanspruchen, die vielleicht nicht so oft kritisiert, aber unterhält. Und Unterhaltung ist auch einer der Aufträge der Medien, wenn ich mich richtig an die Medientheorievorlesung aus dem Studium erinnere.

    Liebe Grüße
    Anita Grasse

  7. Also wenn ich mir so anschaue, was fuer einen hundsmiserablen Job die Politik- und Wirtschafts-Journalisten momentan so hinlegen, da kann ich nicht verstehen, wie die auf Sie herunterschauen wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie in ihrem Bereich mit hinterfragungsfreiem Nachbeten von Pressecommuniques oder dem fleissigen Nachdrucken von Agenturmeldungen weit kaemen.

  8. @Sascha
    Solche Pauschalurteile sind doch lächerlich. Ist ja umgekehrt auch so, dass Journalisten aus der hier von Frau Grasse vertretenen Sparte bei Politik- oder Wirtschaftsthemen ohne Communiques oder Agenturmeldungen nicht weit kommen würden.
    So läuft das heute. Das Resultat ist oft tatsächlich hundsmiserabel. Aber ohne diese Mittel währe wohl auch nur ein Bruchteil der GUTEN Politk- und Wirtschaftsberichterstattung möglich.
    Frau Grasse stimme ich insofern zu, dass es keinen Grund gibt, Journalisten, die korrekt über andere Themen als Politik und Wirtschaft berichten, zu belächeln.
    Da ich der Meinung bin, dass der Journalismus im Dineste einer demokratischen Gesellschaft steht, behaupte ich als Vertreter der hier kritisierten Sparte aber auch, dass die von GUTEM Politikjournalismus vermittelten Informationen für eine demokratische Gesellschaft wichtiger sind, als die von den „Ratgebertanten“ vermittelten Informationen. Dies rechtfertigt natürlich Arroganz nicht, ist für mich aber Grund genug, diese journalistische Sparte der von Frau Grasse ausgewählten vorzuziehen – ob die Themen nun langweilig sind oder nicht.

  9. @Michael: Die Diskussion über wichtiger und weniger wichtig will ich gar nicht aufmachen, denn sie ist eine Frage der Perspektive. Für Lieschen Müller ist es konkret sicher wichtiger, zu wissen, wie sie sichgegen Betrüger wehren oder den günstigsten Stromanbieter finden kann, für die Demokratie und die Gesellschaft im Großen und Ganzen ist dagegen die Politikberichterstattung ganz gewiss wichtiger als diese Themen. Eigentlich ist das Anliegen dieses Textes genau das, was auch Sie erwähnen: Der Faire Umgang unter Kollegen.

    @Sascha Welter: Stimmt, mit Pressemitteilungen und Agenturmaterial komme ich wirklich nicht weit – erst nicht in Sachen Senioren, dazu gibt es nämlich so gut wie kein Agentur- oder Pressematerial. Sich ausschließlich darauf zu verlassen und kaum mehr selbst Geschichten „weiter zu drehen“ ist aber, glaube ich, nicht so sehr ein Phänomen der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung als vielmehr eines des ganzen Journalismus‘ – und das nicht einmal, weil die Kollegen nicht mehr wollen, sondern, weil sie oft nicht mehr können, zumindest dann nicht, wenn sie fest in Redaktionen arbeiten und das Recherchieren und Texten im Vergleich zum Layouten, Redigieren, Meldungen suchen etc. nur noch der geringste Teil ihrer Arbeit ausmacht.

  10. @Anita Grasse
    Da geb ich Ihnen recht, für manch einen sind die Themen, über die Sie berichten, sicherlich spannender als Polit- und Wirtschaftsthemen. Ich wollte eigentlich nur darstellen, was mich dazu antreibt, über Politik und (weitaus weniger gern) über Wirtschaft zu berichten, auch wenn sie und viele andere solch eine Berichterstattung langweilig finden.
    Zum ursprünglichen Thema noch eine Anmerkung: Das Image, das Journalisten Ihrer Sparte anhaftet, ist wohl aber auch nicht ganz willkürlich entstanden. Wenn ich solche Berichte lese, habe ich oft den Eindruck, dass sich dort überdurchschnittlich viele Kollegen tummeln, die es mit journalistischen Prinzipien nicht so genau nehmen (z.B. bewusst oder unbewusst Werbung für beliebige/nutzlose/schwachsinnige Produkte machen). Wer aber journalistisch korrekt arbeitet, hat – ich wiederhole mich und stimme Ihnen zu – kollegiale Annerkennung verdient, egal über was er Berichtet.
    Letztlich ist es diesbezüglich wohl so, wie im Journalismus allgemein: Ein ganzer Berufsstand kommt in Verruf, weil es einige Kollegen gibt, die einen schlechten Job machen, nur niedere Instinkte bedienen oder ihre Leser/Zuschauer/Zuhörer für komplette Vollidioten halten.
    (Ich bin übrigens bei Bildblog auf diesen Artikel gestossen)

  11. @Michael: Vielen Dank, Ihre letzter Kommentar ist die perfekte Zusammenfassung für mein Anliegen, und Sie haben völlig Recht, wenn Sie die um sich greifende Schleichwerbung im Verbraucherjournalismus kritisieren. Auch aus diesem Grund erscheinen meinen Ratgeber-Telefon-Texte nur in absoluten Ausnahmefällen unter Nennung der Firmennamen. Beispiele finden Sie übrigens hier: http://www.thueringer-allgemeine.de/ta-phon Und eines aus dem wöchentlichen Senioren-Journal hier: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Senioren-Journal-Mehr-Mut-zum-Hut-aus-Gotha-389353844

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s