Namensschwester

6 Kommentare

Eigentlich befreunde ich mich auf Facebook ja nur mit Menschen, die ich auch offline schon kennengelernt habe, oder von denen ich zumindest sicher weiß, dass es sie a) wirklich gibt, sie b) nach aktuellem Wissensstand keine psychopathischen Massenmörder und c) auch keine Datenklau- oder Spam-Überschwemm-Pseudo-Identitäten sind. Aber manchmal lässt mich die Neugier auch meine eigenen Prinzipien über Bord werfen.

Die Neugier, die dafür sorgt, dass ich nie ohne Handy unterwegs bin und einen entgangenen Anruf nicht unbeantwortet lassen kann, weil ich dringend wissen will, wer mich erreichen und mir was sagen will – eben jene Neugier hat mich jetzt dazu gebracht, die Freundschaftsanfrage einer wildfremden Frau auf Facebook zu akzeptieren. Nun reißt mich diese Neugier aber nicht bei jeder Freundschaftsanfrage hinweg (siehe oben). Jede Menge Menschen, die ich nicht kenne, oder an die ich mich nicht erinnern kann, habe ich schon ignoriert. Doch diese Frau hat etwas, dass alle anderen nicht hatten: Einen faszinierenden Namen.

Sie heißt Anita Grasseli – und sie kommt nicht aus der Schweiz. Stattdessen lebt sie in Toliara. Diese Stadt musste ich erst mal googeln. Jetzt weiß ich, es ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und der Region Antsimo-Andrefana auf Madagaskar. Klima und Maleria verhinderten jahrhundertelang, dass sich Ausländer dort ansiedelten. Einzige Ausnahme: Piraten hatten sich dort häuslich eingenistet, was ich ziemlich cool finde, vor allem, wenn ich mir vergegenwärtige, wo ich herkomme. Da haben seit Jahrhunderten nur Rentner gesiedelt. Toliara ist heute ein wichtiger Handelshafen. Ich habe also eine quasi-Namensvetterin unter tropischer Sonne.

Das hat uns offenbar beide begeistert. Ziemlich schnell nämlich sind wir in Chat-Gespräch gekommen oder haben zumindest versucht, mehr über einander zu erfahren. Das war nicht ganz so leicht, wie es zunächst schien, denn die andere Anita spricht leider nach eigener Aussage nur bruchstückhaft englisch. Selbiges trifft auf mein Französisch zu, was wiederum sie sehr gut beherrscht. Mit unseren Muttersprachen haben wir gar nicht erst angefangen, denn ich musste auch in dieser Frage erst mal wieder googeln, um überhaupt eine Ahnung zu haben, welche Sprache man in Toliara spricht. Man spricht – auf ganz Madagaskar –  Malagasy.

Als Messe-Kellnerin habe ich gelernt, dass es gut ankommt (und das Trinkgeld steigert), wenn man die Gäste wenigstens mit einigen Worten in ihrer Landessprache ansprechen kann, also habe ich Wikipedia mal gefragt, wie Malagasy funktiert. Ich habe den Versuch, mir einen kurzen Satz zusammen zu stückeln, aufgegeben, nachdem ich DAS gelesen hatte:

„Die Sprache verfügt über fünf Vokal-Phoneme. Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe, es sei denn, das Wort endet auf ka, tra oder na. In diesem Fall wird es auf der drittletzten Silbe betont. Elision kommt bei unbetonten Silben oft vor. Die Morphologie ist ausschließlich konkatenativ („verkettend“), und am Verb können bis zu fünf grammatische Kategorien ausgedrückt werden. Im Malagasy gibt es kein Genus; der Plural wird nicht kodiert. Es gibt einen definiten, aber keinen indefiniten Artikel, das heißt, wenn kein Artikel vorkommt, hat die Nominalphrase indefinite Bedeutung. Das Malagasy kennt (wie viele austronesische Sprachen) eine Inklusiv-Exklusiv-Unterscheidung beim Personalpronomen für „wir“: isika (inklusiv), izahay (exklusiv).“

 

Die andere Anita fand das Miteinanderreden übrigens wohl ähnlich mühsam, denn nach unserem kurzen, reichlich anstrengenden Chat, halb auf französisch, halb auf englisch, hat sie sich auf eine andere Art der Kommunikation verlegt: Sie stupst mich an. Ich überlege nun, ob ich zurückstupsen und damit ein weiteres meiner Prinzipien über Bord werfen soll. Eigentlich halte ich stupsen und ähnlich infantile, für soziale Netzwerke offenbar typische Zuneigungsbezeugungen nämlich für reichlich albern und ignoriere sie in aller Regel konsequent. Aber nun … ich muss abwägen, ob ich das Stupsen blöd genug finde, um wieder französisch zu büffeln, denn ich würde gerne wissen, wie die Frau, die quasi meinen Namen trägt, in einem Land lebt, das gleichzeitig Paradies und Hölle ist, das mit traumhaften Sandstränden aufwarten kann, in dem aber nicht mal jeder zweite Einwohner Zugang zu sauberem Trinkwasser hat (Quelle: Wikipedia). Ich bin immer noch neugierig und plädiere für die Einführung einer Weltsprache!

Advertisements

Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

6 Kommentare zu “Namensschwester

  1. Es gibt doch schon eine Weltsprache, meine Gute… hast Du noch nie was von Esperanto gehört *lol* musst mal googeln, hab mich ne Zeitlang mal damit beschäftigt…

  2. stimmt. esperanto könnte helfen. ansonsten postet euch doch unverfängliche bilder aus eurem leben, bis einer von euch die sprache des anderen besser beherrscht. sehr interessant, deine doppelgängerin. gregor hat übrigens auch einen. er heißt spiegor und lebt mit der gleichen mama hinter einer reflektierenden scheibe. er benimmt sich komisch, sagt/brabbelt gregor. aber er scheint sich mit spiegor zu verstehen. denn beide sabbern sich gerne an.

  3. Ich hab ein Esperanto-Lehrbuch. Ein ganz altes. Es ist aber leider auf Französisch … Vielleicht ist es einfacher, Deine Französischkenntnisse aufzufrischen. Wollen wir?

  4. Ich dachte, Esperanto sei nur eine europäische Gesamtsprache? Das würde mir nämlich im Gespräch mit einer Frau aus Madagaskar (Madagassin? Madagaskesin? Madassin?) gar nichts nützen. Andrea, das Angebot nehme ich gerne an.

  5. Ich hab extra noch mal nachgeschaut: Esperanto ist eine internationale Plansprache.
    Wie soll das aussehen mit Deiner Französisch-Auffrischung? Möchtest Du französische Musik, Romane, Gedichte oder einen Konversationsabend mit mir? Preise auf meiner Internetseite 😉
    Wir haben im Urlaub aus Spaß immer mal französisch geredet und so war ich voll gewappnet, als dann „echte“ Franzosen ihr Zelt neben unserem aufgeschlagen haben. Das war lustig. Natürlich haben wir von da an unter uns nicht mehr französisch geredet – ist ja peinlich, wenn das einer hört!

  6. Ich dachte eigentlich eher an einen neuen VHS-Kurs und dann, wenn ich nicht mehr schon bei einfachsten Sätzen stottere, vielleicht gerne einen Konversationsabend – aber nur mit viel Rotwein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s