„Was ist eigentlich Journalismus?“

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Glaubt irgendjemand, dass sein Nachbar bei einem Blinddarmdurchbruch besser helfen kann als ein ausgebildeter Chirurg? Vermutlich nicht! Glaubt irgendjemand, dass er besser schreiben kann als die Hälfte aller Journalisten, die für eine lokale Tageszeitung schreiben? Ganz sicher! Journalist gilt noch immer als ein Begabungsberuf, etwas, was man kann oder eben nicht kann, aber nicht als Profession, die man lernen muss. Zugegebenermaßen regt mich das maßlos auf.  Andererseits kann man niemandem diese Einstellung verübeln, denn die Rahmenbedingungen sind nicht eben geeignet, ein anderes Bild zu zeichnen: Es gibt keine geregelte Ausbildung und keinen einheitlichen Berufsabschluss, zudem ist die Berufsbezeichnung „Journalist“ nicht mal geschützt. Das hat gute Gründe, die in unserer Geschichte liegen. Jeder soll seinen Beitrag zur Pressefreiheit leisten, niemand von der Wächterfunktion des Berufes ausgeschlossen werden – auch nicht durch Vorschriften, die den Zugang zum Beruf regeln. Absolute Freiheit ist die Maxime und das ist gut so, aber sie macht es schwer zu erklären, dass Journalist trotzdem ein Beruf ist, den man lernen muss, dass ein Journalist tatsächlich mehr kann und tut, als Buchstaben und Worte aneinander zu reihen. Deshalb veranstaltete der DJV Thüringen und die Friedrich-Ebert-Stiftung gestern Abend eine gemeinsame Diskussionsrunde. Thema: „Was ist eigentlich Journalismus?“

Der Plan war gut, indess die Umsetzung nicht ganz zufriedenstellend. Statt tatsächlich darüber zu reden, wer eigentlich Journalist ist, ob die Bürgerreporter, die Blogger und die Producer an den Deks und Tischen der Redaktionen als Journalisten gelten – und dann auch so bezahlt werden müssen – führten wir wieder die bekannte Qualitätsdebatte. Die ist wichtig, aber weitesgehend ausgereizt, deshalb war sie auch nicht geplant – und von mir auch zugegebenermaßen nicht vorbereitet. Aus diesem Grund blieb mein Grußwort wohl mein bester Redeanteil an diesem Abend und soll an dieser Stelle auf persönlichen Wunsch einiger Damen nicht verschwiegen werden:

„Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

Wer Journalist ist, ist auch Idealist. Das war schon immer so, denn schon immer verstanden sich Journalisten als Weltverbesserer im besten Sinne. Sie sollen und wollen Wächter sein, die genau hinsehen und hinhören,  die Schweinereien und Ungereimtheiten aufdecken oder verhindern. Dazu braucht es Neugier und Hartnäckigkeit, aber auch ein ziemlich dickes Fell. Auch das war schon immer so.

Doch die Arbeitsbelastung für Journalisten ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stetig gestiegen. Viele Journalisten arbeiten immer mehr, aber ohne, dass dabei zwingend mehr oder bessere Geschichten herauskommen. Sie mussten ihre Texte, ihre Radio- oder Fernsehbeiträge plötzlich für ein weiteres, ganz neues Medium aufbereiten: Das Internet. Das Internet heute als neues Medium zu bezeichnen, ist ein Witz. Längst gehört das Netz mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten zum Alltag der meisten Menschen. Doch als es als Informationsquelle an Bedeutung gewann, stellte es die Redaktionen vor ungeahnte Herausforderungen. Niemand wusste, ob im Internet genauso gelesen wird wie in der Zeitung. Anfangs setzte man auf kurze Texte, weil man davon ausging, dass die Nutzer schnell informiert sein und nicht lange am Bildschirm lesen und womöglich noch scrollen wollten. Inzwischen gibt es Ansätze wie der Online-Auftritt der Zeit, der Welt oder auch von Süddeutsche und Spiegel, die das Gegenteil beweisen und mit langen Texten Leser begeistern. Klar scheint aber: Das Internet ist ein eigenes Medium und braucht deshalb eigene journalistische Formen – textlich, aber auch optisch und technisch. Verlinkungen, interaktive Grafiken, Diaschauen, eingebettete Videos – all diese Zusatzangebote gehören heute ganz selbstverständlich zu den Onlineangeboten der Medien. Und wer liefert sie? Der Journalist. Im besten Fall, einer, der extra für den Onlineauftritt eingestellt wurde. Im üblichen Fall einer, der das Ganze zusätzlich zu seiner eigentlichen Arbeit machen soll.

Der Druck steigt aber noch aus einem anderen Grund. Neue Verbreitungskanäle wie das Internet, soziale Medien und Netzwerke, mobile Formen wie Smartphones und Tablet-PCs bringen nicht nur mehr Arbeit, sondern auch mehr Konkurrenz. Das Internet war das Töpfchen, das unaufhörlich süßen Brei ausspuckte und niemandem fiel das Zauberwort ein, mit dem es zu stoppen war. Von allen Seiten gab es plötzlich Informationen und zwar zu jedem Thema und zu genau der Zeit, zu der man danach suchte. Doch wenn Informationen überall zu haben sind, wozu dann noch Gebühren für Fernsehen und Radio, wozu das Abo einer Tageszeitung bezahlen? Diese Fragen stellten sich nicht nur Leser, vor dieser Frage fürchteten sich auch Journalisten und Medienmanager.

Doch was wie das Ende des Journalismus klingt, ist eigentlich seine große Chance. Irgendjemand muss schließlich den süßen Brei stoppen oder ihn zumindest gerecht verteilen – und aufpassen, dass, was verdorben ist, nicht mehr gegessen wird. Kaum jemals waren Journalisten so notwendig wie heute. Kaum jemals wurden Profis so dringend gebraucht, die mit Wissen, Neugier, Hartnäckigkeit und einem dicken Fell, Ordnung in das riesige Informationschaos bringen, es sortieren, einordnen und kontrollieren.

Ja, Journalismus ist eine Branche für Idealisten, aber es ist zugleich eine aufregende, spontane, abwechslungsreiche Branche. Ein guter Journalist kann Kontrolleur und Wächter sein, aber er kann auch als intelligenter Unterhalter brillieren. Er darf und soll unbequem und nervtötend sein, aber auch witzig, einfühlsam und begeisterungsfähig.

Auf die Frage „Was ist eigentlich Journalismus?“ gibt es keine einfache Antwort, aber unsere Diskussion heute Abend kann zumindest die Türen zu einem der schwierigsten und zugleich schönsten Berufe der Welt öffnen und wichtige Einblicke gewähren.“

Klaus Schrotthofer, Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen übrigens teilte meine Ansicht, dass man nicht von den Redakteuren verlangen könne, zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit auch noch alle technischen und administrativen Sachen selbst zu erledigen. Er stellte das Tischmodell von Thüringer Allgemeine, Thüringischer Landeszeitung und Ostthüringer Zeitung als Abhilfe dar und tatsächlich, wenn es so liefe, wie Schrotthofer seine Vision beschreibt, wäre das toll. Dummerweise sieht die Realität anders aus. Wenn nämlich die Kollegen am neuen Thüringen-Tisch weitestgehend ersatzlos aus den Lokalredaktionen gestrichen werden, ist die Idee, durch die Installation dieses Producer-Tisches die Lokalredakteure zu entlasten, wohl von selbst ad absurdum geführt.

Wie gesagt: Es war eine Qualitätsdebatte. Was nun eigentlich Journalismus ist, wusste am Ende des Abends von den Gästen, die nicht selbst in der Branche arbeiten, aber vermutlich immer noch keiner so ganz genau. Schade!

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

2 Kommentare zu “„Was ist eigentlich Journalismus?“

  1. Journalismus ist, was gut ist – informativ, intelligent, relevant, PR-frei, dabei unterhaltsam. Egal, ob es ein Profi oder Amateur macht, ein Redakteur oder ein Blogger.

    Negativ-Definition: KEIN Journalismus ist neben allem anderen leider auch vieles, was aus manchen (totgesparten oder korrumpierten) Redaktionen quillt: uninformiertes Geschwätz, unrecherchiertes Gesülze, PR-Unrat, langweiliges Wiedergekäue von Agenturmaterial.

    Das Problem ist, dass KEIN Journalismus oft besser bezahlt wird als Journalismus. Journalismus macht eben mehr Arbeit als KEIN Journalismus.

  2. Das hieße ja aber, dass Journalismus wirklich ein reiner Begabung- (und Sorgfalts-)Beruf ist, aber kein Handwerk. Das würde aber bedeuten, dass wir nicht zwingend eine Ausbildung brauchen. Genau da sehe ich aber Bedarf. Journalismus unterscheidet sich meiner Meinung nach von (durchaus gut gemachten) Laienbeiträgen durch das Handwerkszeug, also etwa die Kenntnis und das trennscharfe Anwenden der Darstellungsformen, das Interviewen statt nur zu reden etc.

    Eins stimmt aber: Bezahlt wird tatsächlich nicht zwingend nach Qualität.

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