Anita rät zu Selbstmitleid

Ein Kommentar

O.K., ich bin ein Hypochonder. Keiner von denen, die das Haus aus Angst vor einer Erkältung auch im Sommer nur in Schal und Handschuhen verlassen. Aber einer von denen, bei denen eben jene Erkältung gleich eine Infektion mit dem Super-Virus ist.

Haben andere nur Kopfschmerzen, denke ich an einen Hirntumor. Rumort es bei mir im Bauch, bin ich sicher: Es ist Darmkrebs. Heiße, geschwollene Haut nach einer Impfung? Ich spüre schon die Lähmung nahen. Besonders anfällig bin ich für diese hypochondrischen Attacken während meiner alljährlichen „Endlich Urlaub, toll, schon wieder krank“-Phase.

Mein Dilemma: Wie jeder Hypochonder will ich mit meinem öffentlichkeitswirksamen Leiden natürlich Aufmerksamkeit einfahren. Aber: Ich hasse Mitleid. Oder ertrage es zumindest nur in kleinen Dosen und durchsetzt mit ausreichend Anerkennung für mein heldenhaftes Ausharren im Angesicht der dramatischen medizinischen Bedrohung. Blöd nur, dass Kranke nun mal keine Aufmerksamkeit ohne Mitleid erhalten. Das ist der eine Grund, warum ich sozusagen nur ein innerlicher Hypochonder bin, keiner von denen, die auch ihre Umwelt mit den Hirntumor-Darmkrebs-Szenarien terrorisieren.

Der andere Grund ist pragmatischer. Ich mag meinen Job, oder vielmehr meine Jobs. Und auch, wenn einer davon sogar bedeutet, für ein mehr oder weniger medizizinisches Unternehmen zu arbeiten, ist es sicher wenig hilfreich, regelmäßig vom eigenen kurz bevorstehenden Ableben zu reden – und dann jedes Mal wieder zu dementieren, weil Kopfschmerzen eben manchmal doch nur Kopfschmerzen und Bauchschmerzen nur Bauchschmerzen sind.

Deshalb habe ich eine andere Taktik erfunden. Ich hypochondere nur in Selbstgesprächen laut. Das hat den enormen Vorteil, dass ich genau das Maß an Mitleid, Anteilnahme und Bewunderung ernte, auf die ich gerade aus bin. Außerdem fühle ich mich weniger gedemütigt, wenn nur ich selbst mich auslache angesichts der Horrorszenarien, die meine Fantasie aus Internet-Selbstdiagnosen und dem Hintergrundwissen amerikanischer Arztserien zurecht köchelt.

Anita rät also: Suhlt euch ab und an ausgiebig in Selbstmitleid und gießt dazu ruhig auch eine gehörige Portion Eigenlob. Das stinkt Kollegen, Nachbarn, Freunden und Familie nämlich ganz gewiss weniger als lautes Jammern und Lamentieren zu jeder Gelegenheit. Und im Ernst, die meisten von uns haben dazu doch regelmäßig Gelegenheit.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

Ein Kommentar zu “Anita rät zu Selbstmitleid

  1. Sehr guter Kommentar… mir geht es nämlich ganz genauso! Nur muss ich zugeben, in den vergangenen Jahren des öfteren auch mal beim Arzt gewesen zu sein wegen diversen Wehwehchen. Meist haben die auch was KLEINES gefunden – nur hab ich halt immer viel zu extreme Symptome gehabt. Schön blöd ;-/ Bloß gut, dass es in NZ schweineteuer ist für mich, zum Arzt zu gehen. So muss ich meine gelegentlichen Hypochonder-Attacken dann auch wirklich mit mir selbst austragen…

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