Anita rät zu mehr Höflichkeit

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Was ist eigentlich aus „Der Kunde ist König“ geworden, diesem Leitsatz der Dienstleistungsbranche, den vor allem die Chefs mittelständischer Unternehmen noch vor einigen Jahren in jede verfügbare Privatfernsehen-Kamera bölkten? In Baden-Würtemberg jedenfalls spielt der bei der Verkäuferinnen-Ausbildung offenbar keine Rolle mehr.

Ein Samstag im Juli. Es nieselt immer mal wieder und ist nicht so warm, wie es jetzt eigentlich sein sollte. Vielleicht schlug das den Verkäuferinnen in der Stuttgarter Innenstadt aufs Gemüt. Vielleicht waren sie auch einfach nur sauer, weil sie am Samstag arbeiten mussten. Das verstehe ich, aber es ist noch lange kein Grund, mich zu ignorieren (im besten Fall) oder meinen Begleiter als Hilfsarbeiter einzuspannen (im dreistesten Fall).

Die Suche nach einem Bikini gestaltet sich im Hochsommer traditionell schwierig, weil jetzt schon wieder Schaffelljacken und Strickpullover in den Läden hängen. Und dann wollte ich auch noch statt eines normalen Bikinis einen Tankini, also einen Zweiteiler mit einem längeren Oberteil – eben nicht bauchfrei. Im ersten Laden ignorierte man meine suchenden Blicke und gab erst dann mürrisch Auskunft über die verfügbaren Tankini-Größen, als ich danach fragte. Im zweiten Geschäft passte nichts und mein Begleiter, der sich angeboten hatte, die verschmähte Waren, wegzuhängen, fragte eine Verkäuferin höflich, ob er die Sachen auf die kleine Stange neben ihr hängen könne. Ihre Antwort, bei der sie ihn nicht mal ansah: „Na, machen se halt!“.  Sympathisch, nicht wahr?  Unnötig zu erwähnen, dass wir in diesem Laden nichts gekauft haben.

Da dachte ich aber noch, das seien Ausnahmen. Als aber auch im Buchladen wortlos abkassiert und selbst der Imbiss in der Fußgängerzone zur lächel- und höflichkeitsfreie Zone wurde, verrutschte doch auch meine freundliche Miene. Trotzdem wollte ich noch mal in Laden Nummer eins zurück, weil ich beschlossen hatte, dass mir die Tankinis dort doch ganz gut gefallen haben (Jetzt bloß keine blöden Scherze über die Entscheidungsfreudigkeit von Frauen, ich bin gerade schon angefressen genug!).

Es war kurz vor Ladenschluss, als wir dort ankamen. Also zügig in die entsprechende Abteilung, die beiden Tankinis, die ich ja Stunden vorher schon mal anprobiert hatte, gegriffen, und im Stechschritt zur einzigen noch offenen Kasse. Dort das fast schon gewohnte Bild: hängende Mundwinkel, Kassiererinnen, die Kleiderbügel mit Vehemenz in die Ecke feuern, ungeduldiges Abkassieren und dann schnell zum nächsten Kunden drängeln. Zu diesem Zeitpunkt regte mich noch lediglich auf, dass die Worte „Bitte“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“ anscheinend der Arbeitseffizienz im Wege stehen und deshalb ersatzlos gestrichen wurden. Eine Minute später war ich an der Reihe und wäre beinahe explodiert.

Die „nette“ Verkäuferin stellte fest, dass an einem Tankini-Oberteil das Etikett fehlte und pampte daraufhin meinen Begleiter an „Ohne Etikett kann ich nicht kassieren. Da müssen se noch mal hoch und eins holen!“ Wie bitte? Der Kunde soll rennen, weil die Mitarbeiter nicht in der Lage sind, ihre Ware vernünftig zu etikettieren? Offenbar merkte sie, dass sie es ein bisschen übertrieben hatte, als bei mir die Schnappatmung einsetzte, und mein Begleiter in Richtung Rolltreppe stürmte – mit so ausholenden Schritten, dass die Wut kleine Krater in den Kaufhausboden hätte stampfen müssen. Jedenfalls rief sie ihm hinterher: „Warten Sie mal. Dann versuch ich halt meine Kollegin anzurufen.“

Sprachs und griff mit einem genervten Seufzen zum Telefon, um die Kollegin in der entsprechenden Abteilung zu bitten, ihr einen Preis zu nennen. Leidend unterhielten sie sich dann vor aller Ohren darüber, wie schrecklich es sei, zu dieser Zeit auch noch mit so was belastet zu werden. Diese Schnepfe entschuldigte sich sogar dafür, dass sie ihre Kollegin mit so blöden Kundenbelangen belästigen müsse. O.K., so hat sie das nicht gesagt, aber so hat es geklungen. In diesem Moment habe ich sehr bedauert, dass das ein Laden und keine Gaststätte war. Da hätte ich meinem Unmut wenigstens Luft machen können, indem ich mir bei einer Rechnung, die auf ,97 endete, auch noch drei Cent hätte rausgeben lassen. So nahm ich zähneknirschend meine Tüte und schwor mir, in diesem Laden nie wieder einkaufen zu gehen – und in dem anderen, mit der „Dann hängenses halt hier hin“-Verkäuferin auch nicht.

Übrigens, wir reden hier von Galeria Kaufhof mitten auf der Königsstraße und von C&A am Bahnhof in Suttgart. Schön, das war nur ein Besuch und vielleicht waren die Verkäuferinnen wirklich nur schlecht drauf – aber alle gleichzeitig? Das klingt doch wirklich eher nach einer fatal schiefen Einstellung zum Beruf. Dienstleistung ist etwas anderes – zum Beispiel das Lächeln meines Erfurter Lieblingswirts mit dem besten Apfelstrudel der Welt, der sich wirklich freut, wenn wir ihn mal wieder besuchen. Der heißt übrigens Norbert und führt seit gefühlten 100 Jahren die Johannesklause in Erfurt – und bekommt immer Trinkgeld von mir.

Deshalb, Anita rät: Seid höflich, freundlich und lächelt euer Gegenüber auch mal an. Erstens trainiert das die Gesichtsmuskeln – so bekommt man weniger Falten und wenn, dann nur sympathische Lachfalten. Und zweitens: Es könnte immer sein, dass ihr irgendwann mal was von dem braucht, zu dem ihr jetzt unfreundlich seid. Na schön, im Fall der Stuttgarter Verkäuferinnen ist es eher unwahrscheinlich, dass die mal auf mich angewiesen sind, aber man weiß ja nie. Um zum Schluss noch mal in die Phrasenkiste zu greifen: Man trifft sich immer zweimal im Leben.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

2 Kommentare zu “Anita rät zu mehr Höflichkeit

  1. Blöde Schnepfe! Also früher (wo wir schon bei den Phrasen sind) hat Shoppen ja mal Spaß gemacht, aber wenn einem jetzt auch noch von den Verkäufern das Leben schwer gemacht wird… Beruf verfehlt, würd ich sagen…

  2. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ist vollkommen letgiim, aber dass muss dann auch ffcr beide Seite gelten die Facebook-Seite Christiane Tauzher eine Schande ffcr den Journalismus wurde von FACEBOOK gelf6scht!!!!Also entweder oder aber den einen das Maul verbieten geht nicht und der andere darf ungeniert le4stern das geht nicht!

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