Anita rät ab von schwimmenden Handtaschen

2 Kommentare

Die richtige Handtasche ersetzt jedes Survival Kit. Sie kann alles. Mit der richtigen Handtasche schafft Frau eine Wüstendurchquerung, eine Bergbesteigung, den Cocktailempfang beim Chef und das erste Date. Ich muss das wissen, denn ich habe 27 richtige Handtaschen und sie waren schon in der Wüste, auf Bergen, beim Chef und mehreren Dates.

Am Sonntag allerdings hat Tasche Nummer 25 ihr Nemesis erlebt. In einem reißenden Fluss namens Gera. Die Gera fließt durch Erfurt – unter anderem vorbei an dem Restaurant, in dem ich mich mit Freunden zum Brunch getroffen habe. Tasche Nummer 25 – Echtleder, braun mit hübschen messingfarbenen Accessoires – stand zwischen meinem Stuhl und dem meines Freundes, der wiederrum direkt am Rand der Terrasse stand. Dort hatte ich sie deshalb abgelegt, weil ich befüchtete, sie könne herunter und ins Wasser fallen, wenn ich sie auf den Stuhl legen oder an die Lehne hänge.

Welch ein fataler Irrtum! Um es kurz zu machen: Natürlich fiel Nummer 25 auch so ins Wasser. Ein kleiner versehentlicher Stups mit dem Stuhlbein reichte aus, und sie tanzte auf den Schaumkronen des reißenden Wildbaches davon. Nach einer kurzen, paralysierten Pause sprangen meine drei Begleiter auf und verfolgten Nummer 25, die tapfer gegen den Sog der Tiefe ankämpfte. So hatte ich noch Hoffnung, sie zu retten – und mit ihr mein Handy, meinen Geldbeutel und den meines Freundes samt aller Papiere sowie Cecily und Humphrey, die beiden Pappmaschee-Sparschweine aus London, die ich nachträglich zum Geburtstag bekommen hatte.

Diese Hoffnung zerschlug sich, als Nummer 25 einen der Bögen der Krämerbrücke passierte. Irgendein Scherzkeks hatte dort aus Luftballons und sehr viel Schnur ein Wehr gebaut. Das brach Nummer 25 das Genick. Mit einem jämmerlichen Trudeln bäumte sie sich ein letztes Mal auf – und ging unter.

Mein ganzes Leben zog in Bildern an mir vorbei, als ich diese Tragödie erleben musste. Na gut, vielleicht zeigten die Bilder auch nur die Laufereien, die ich haben würde, wenn Nummer 25 aufgehen und sich alle Papiere auf dem Grund der Gera verteilen würden (Wir erinnern uns: reißender Wildwasserfluss). Jedenfalls saß ich wie auf glühenden Kohlen. Woran nämlich keiner meiner schnellen Helden gedacht hatte: Ich konnte ihnen auf der Jagd nach Nummer 25 nicht folgen. Schließlich hatten wir die Rechnung noch nicht bezahlt.

Irgendwann sah ich unter der Brücke ein paar Beine, die sich in hochgekrempelter Jeans durch Strudel und gefährliche Strömungen dem naßen Grab von Nummer 25 näherten. Mein Freund barg die arg mitgenommene Wasserleiche. Mein Held! Nummer 25 trocknet jetzt auf meinem Wäscheständer und verströmt einen dezenten Gera-Duft. Papiere und Geld haben das Abenteuer gut überstanden (Ich wusste nicht, dass Geldscheine sooo schnell trocknen). Pappschwein Cecily ist schwanger. Sie hat Wasser in den Beinen und ein bisschen Bauch. Humphrey hat das Ganze nicht ganz so schlimm mitgenommen. Beide trocknen noch. Nur eines hat den Badeausflug nicht überlebt: mein Liebling, meine Droge, mein Handy!

Nächstes Wochenende werde ich eine offizielle Trauerfeier für mein Mobiltelefon veranstalten, und es dann feierlich zu Grabe tragen. Liebes Handy, ich werde dich vermissen, doch du wirst für immer in meinem Herzen sein.

Anita rät: Lasst nur leere Handtaschen schwimmen.

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Autor: anitagrasse

Ich bin Journalistin und das ist gut so. Ich schreibe fast so gerne wie ich rede, wenn auch meist etwas überlegter, und ich hasse es, nicht zu wissen, worüber andere reden und was passiert. Biografisches: * 20.05.1983 in Thüringen Ausbildung zur Verlagskauffrau in Augsburg Studium Journalistik in Hannover Praktikum als Journalistin und Fotografin in Oslo Reiseleiterin in Tunesien und auf Gran Canaria Volontärin in Thüringen Freie Journalistin überall

2 Kommentare zu “Anita rät ab von schwimmenden Handtaschen

  1. Oh Mann, wenn das Ganze nicht so tragisch wäre – ich könnte auch nicht ohne Handy leben!!! – dann würde ich jetzt hier sitzen und mir herzhaft die Seele aus dem Leib lachen *lol* Tut mir leid für Dich und den ganzen Ärger, aber die Geschichte ist so schön anschaulich beschrieben, dass ich den Film, wie die arme Handtasche die reißende Gera hinunter fließt, gar nicht mehr aus dem Kopf bekomme…

  2. Pingback: Unter Wasser | Anita Grasse Medienbuero

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